Im Juni 2026 erhöhte die Europäische Zentralbank (EZB) zum ersten Mal nach drei Jahren wieder den Leitzins. Ursache war die massiv gestiegene Inflation, getrieben durch kriegsbedingte höhere Kosten für Öl und Gas. Mit der im Juni unterzeichneten Absichtserklärung zwischen den USA und dem Iran fiel der Ölpreis jedoch rapide. Eigentlich sollte dies bei Verbrauchern und Notenbankern für Entspannung sorgen.

Quelle: finanzen.net, 2.7.2026
Eigentlich sollte die Diskussion bezüglich einer weiteren Leitzinserhöhung damit vom Tisch sein. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Die Erklärung war noch keine Woche unterzeichnet, als die Kampfhandlungen wieder aufflammten. Eine erneute Schließung der Straße von Hormus führt zwangsläufig zu einer erneuten Preisspirale und einem weitern Anstieg des Kaufkraftverlustes.
Keine Einigkeit im Zentralbankrat
Sowohl bei den sechs Direktoren und Direktorinnen des Zentralbankrat als auch unter den 21 Chefs der nationalen Notenbanken herrscht aktuell keine Einigkeit über das weitere Vorgehen nach der Sommerpause. Genaugenommen stehen zwei Optionen zur Auswahl:
- Erneute Zinserhöhung direkt bei der nächsten Sitzung im Juli, im Zweifelsfall als proaktive Maßnahme
- Abwarten und Beobachten und eine Zinsanpassung für den Herbst in das Auge fassen.
Vertreter der pessimistischen Fraktion ist Finnlands oberster Geldwächter Olli Rehn. Er geht davo aus, dass der Konflikt im Nahen Osten noch lange nicht beendet ist, die Kampfhandlungen und damit die Rohölverknappung weitergehen werden. Damit widerspricht er zwar den meisten Marktteilnehmern, möchte seine Mahnung aber geprüft wissen. Aufgrund der großen Unsicherheit bei allen Betroffenen vermied der Notenbank-Chef im Interview mit dem Handelsblatt-Podcast “Invest” jede Stellungnahme zu möglichen Zinsentscheidungen.
Die deutsche EZB-Direktorin Isabel Schnabel dagegen fordert eine zeitnahe Zinserhöhung. Unterstützung erhält Schnabel dabei aus der Slowakei, Belgien und Litauen. Andere Ratsmitglieder dagegen setzen darauf, der Entwicklung in der Straße von Hormus etwas Zeit zugeben. Die Kerninflation in der EU, hier sind Energiekosten außen vor, sank auf 2,4 Prozent und ist auf einem “guten Weg”. Es stellt sich natürlich die Frage, was beispielsweise in Deutschland nach dem Wegfall des Tankrabatts geschehen wird.
Frühherbst möglicher Moment der Entscheidung
Für diejenigen unter den Ratsmitgliedern, welche mit einem Zinsentscheid zögern, gibt es zwei zeitliche Momente, die sie für wichtig erachten. Zum einen endet während der Sommerpause die 60 Tage währende Frist für Friedensverhandlungen zwischen dem Iran und den USA. Zum anderen werden im September die neuen Wirtschaftsdaten vorgelegt, wesentlicher Faktor zur Bewertung der Situation. Auf Grund dieser Konjunkturdaten lässt sich auch analysieren, ob Arbeitnehmer massive Lohnerhöhungen durchsetzen wollen und können, die dann natürlich auch wieder die Inflation ankurbeln.
Die hier angesprochene Diskussion zwischen den beiden “Flügeln” im Zentralbankrat fand im Übrigen bei der EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra statt. EZB-Präsidentin Lagarde sah aber über allem bereits einen positiven Effekt. Haben die Märkte in früheren Jahren auf EZB-Entscheide teilweise hektisch reagiert, so sei aktuell zu beobachten, dass die Marktteilnehmer wahrscheinliche Handlungen der EZB verinnerlicht hätten, Konsequenzen aus möglichen Entscheidungen schon vorweg nehmen und so einen “harten Aufprall” verhindern.


